Stutenbissigkeit
Kürzlich ertappte ich mich bei einem hässlichen Gedanken über eine erfolgreiche Frau. Zum Glück sprach ich ihn nicht aus. Weniger hässlich war er deshalb nicht.
Sie hatte von ihrem Erfolg erzählt, und in meinem Kopf meldete sich sofort ein «Ja, aber». Mit diesem Aussehen ist Erfolg keine Kunst. Und ihr Mann verdient gut. So kann man sich die Selbstständigkeit natürlich leisten. In wenigen Sekunden hatte ich ihren Erfolg erst auf ihr Gesicht und dann auf das Bankkonto ihres Mannes reduziert. Effizient war ich immerhin.
Der Erfolg einer Frau wird selten einfach als ihren Erfolg betrachtet. Er braucht eine Erklärung: den Mann, die Kontakte, das Aussehen oder das Glück. Irgendetwas muss geholfen haben. Nur sie selbst kann es nicht gewesen sein.
In der Geschäftswelt hört man: Frauen fördern Frauen nicht. Vielleicht aus Angst, die andere könnte sie überholen. Also wird nicht empfohlen, nicht eingeladen oder für einem Auftrag nicht berücksichtigt. «Ich gönne dir den Erfolg nicht», sagt niemand. Das wäre zu ehrlich.
Natürlich ist das eine Verallgemeinerung. Es gibt Frauen, die andere fördern, empfehlen und loben. Frauen, die Türen öffnen und sie nicht hinter sich schliessen. Ich kenne solche Frauen und zähle mich im Normalfall ebenfalls zu jenen. Nur sind sie nicht der Grund für diese Kolumne.
Denn es gibt eben auch den anderen Reflex. Eine Frau steigt auf, und irgendwo beginnt eine andere, Erklärungen für ihren Erfolg zu finden.
Stutenbissigkeit nennt man das. Männer konkurrieren gegeneinander. Frauen beissen einander. Schon sprachlich landen wir hier im Stall.
Neid ist (leider) menschlich. Man darf ihn aber weder fördern noch als Motivation für Kommentare im Internet verwenden.
Ich habe meinen hässlichen Gedanken analysiert. Er verrät mehr über mich als über die Frau, den er betrifft. Wir sollten aufhören, hinter den Erfolg einer Frau ein Aber zu setzen. Manchmal reicht einfach ein Punkt.





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