Die rosarote Brille

«Heute ist ein guter Tag, um eine Kolumne zu schreiben», dachte ich am Morgen des 25. Mai. Ich war ausgeschlafen und fühlte mich so zufrieden wie ein Fuchs im Hühnerstall. Sogar meine Endorphine schütteten Endorphine aus. Während der tiefschwarze Kaffee in meine Tasse tröpfelte, die der Spruch «Erst blasen, dann schlucken!» ziert, klickte ich dummerweise aufs Twitter-Symbol meines Smartphones. Was für ein gigantischer Fehler!

Die ganze Twitter-Community weinte um die getöteten Kinder und die Lehrerin in Uvalde, Texas. Eine unvorstellbare Bluttat, die mich tief erschütterte und fassungslos in der Küche stehen liess. Je mehr Informationen auf mich einprasselten, desto ratloser wurde ich. Also tat ich, was ich tun musste: Ich setzte die rosarote Brille auf und ging nach draussen an die Sonne. Die Vöglein zwitscherten, das Stadtbächlein rauschte mit den Bäumen um die Wette, lächelnd winkende Menschen passierten meinen Weg, und ein Kätzchen strich schnurrend um meine Beine. Hach! Das Leben ist schön.

Meine Seele labte sich am Frieden der Natur wie eine Verdurstende in der Wüste, wenn sie auf Wasser stösst. Und doch wusste ich im Innern, dass ich mich einer Illusion hingab. Also zog ich meine rosarote Brille wieder aus und blickte der rauen Wirklichkeit in die Augen. Auch sie hatte Tränen in den Augen. Denn sie kann nicht einfach wie ich abtauchen und sich regenerieren. Ihr fehlt die Zeit dafür, da sie immer der Illusion nachjagen und sie einholen muss.

Die unzähligen tragischen Nachrichten, die uns tagtäglich überfluten, sind manchmal kaum auszuhalten. Darum mein Rat: Setzen Sie ab und zu für Ihr Seelenheil die rosarote Brille auf und geben Sie sich der Illusion einer friedlichen Welt hin. Denn schon Friedrich Dürrenmatt wusste: «Man darf nie aufhören, sich die Welt vorzustellen, wie sie am vernünftigsten ist.» Wie recht er doch hatte. Und so klappt es dann trotz widriger Umstände, eine Kolumne zu schreiben.


 
General Anzeiger Brugg vom 2. Juni 2022
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Du findest die Kolumne auf Seite 9.

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