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Der Sinn des Lebens

Haben Sie für das Jahr 2022 schon Bilanz gezogen? Ich bin gerade dabei und finde, es war ganz in Ordnung. Jedenfalls mein Mikrokosmos. Global gesehen, war es richtig übel. Das Jahr als beschissen zu bezeichnen, wäre geprahlt. Und jetzt stecken wir zwischen den Jahren. Für mich die Zeit der Melancholie, die ich jährlich mit offenen Armen empfange. Ich sinniere über philosophische Fragen wie jene, nach dem Sinn des Lebens, und fühle mich dabei so kraftlos wie mit zu viel Wasser aufgegossener Tee. Am liebsten würde ich mich dann einfach ins Bett verkriechen, die Decke über den Kopf ziehen und liegenbleiben, bis meine Zehennägel einen Zentimeter gewachsen sind. Ich mag diese Zeit – mochte sie schon immer.

 

Ein Höhepunkt des „Zwischen-den-Jahren“-Blues’ ist das Fernsehprogramm! Zuverlässig werden Filme und Serien wie „Sissi“, „Das Traumschiff“, „Das letzte Einhorn“ und – an Silvester nicht wegzudenken – „Dinner for one“ wiederholt. Sie begleiten uns seit der Erfindung der Bildröhre. Das Schöne an diesen wiederkehrenden Heile-Welt-Sendungen: Die Zeit scheint stillzustehen, und das Hirn kann einfach auf Standby gesetzt werden. Es hat schon fast etwas Meditatives.

 

Nur der Jahreswechsel als solchen kann mir gestohlen bleiben: Die Menschen machen sich bereit zum grossen Finale. Das alte Jahr wird mit Pauken und Trompeten verabschiedet und das neue voller zuversichtlicher Erwartungen begrüsst. Und dann? Nichts. Alles beginnt von vorne. Die Welt dreht sich im selben Tempo weiter wie bisher. Die gleichen miserablen Schlagzeilen, die gleichen unlösbaren Konflikte. Und wenn ein Problem gelöst wird, steht schon das nächste in den Startlöchern. Täglich grüsst das Murmeltier.

 

Darum: Vergessen Sie die grosse Party am Ende des Jahres! Lassen Sie sich treiben und geniessen Sie das süsse Nichtstun. Vielleicht ist ja das die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens.


 

Kolumne vom 29. Dezember 2022 im General Anzeiger Brugg sowie in der Rundschau Süd und Nord. 👉 https://ihre-region-online.ch/general-anzeiger/#general-anzeiger-test/9/

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2 Comments


Der Sinn des Lebens? Leben. Danke, liebe Lea, für diese fliessende Kolumne..., wie eine kleines Bächlein, wo sich die Gedankenwässerchen noch ihren Weg suchen, mal links am grossen Stein vorbei, mal rechts, mal ein bisschen weiterschwimmen... sehr schön... sich treiben lassen... auch beim "Tun"... wie schrieb schon Albert Camus: Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen... immer wieder dasselbe, immer wieder ein bisschen anders, mal links vom Felsbrocken vorbei, mal rechts, mal drüber... In diesem Sinn: Weiter so. Auch wir bleiben dran bei der täglichen Sisyphusarbeit, dem Antilittering und No-littering mit Aktionpinguin.ch... für ein aufgeräumtes 2023...

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Lea Grossmann
Lea Grossmann
Dec 30, 2022
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Herzlichen Dank. Ich wünsche euch bei eurem Vorhaben gutes Gelingen. Auch dir einen tolles 2023.

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