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Von müde bis schockiert

Eigentlich habe ich damit begonnen, diese Kolumne über Hunde und deren Herrchen und Frauchen zu schreiben, und ich glaube, sie wäre witzig geworden. Nur ist mir das Lächeln kürzlich vergangen. Ironie, Sarkasmus und Satire sind mittlerweile fehl am Platz. Obschon ich Letztere mit deren Übertreibungen, Verzerrungen und überspitztem Spott sehr mag und sie mir bis vor kurzem die Corona-Situation und die daraus folgenden Debatten erträglich gemacht hat.

 

Ich bin müde. Müde der Diskussion, warum es trotz unbekannten Faktoren sinnvoll ist, sich impfen zu lassen. Müde, über Sinn und Unsinn von Massnahmen nachzudenken. Zur Müdigkeit hinzu kommt das Entsetzen. Entsetzen über den stattfindenden Klimawandel – nicht denjenigen, der zur Erderwärmung führt. Aber auch er ist menschengemacht. Die bis vor kurzem meist friedlich verlaufenden Demonstrationen der Gegner der Corona-Massnahmen wurden durch Ausschreitungen und Gewalt abgelöst. Der Ton hat sich verändert. Er wurde gehässig, ja gar feindselig. Und es geht weiter: Ein junger Mann wurde gnadenlos ermordet, weil er sich an die Regeln hielt und diese durchsetzen wollte. Das geschah nicht meilenweit weg in den USA oder so, sondern in Deutschland – in Idar-Oberstein, das lediglich rund 330 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt liegt. Der Täter wird im Netz von einschlägigen Gruppierungen gefeiert. Er habe ein Zeichen gesetzt. Solche und weitere widerlichen und menschenverachtenden Kommentare kann man auf diversen Social-Media-Plattformen lesen. Schockierend und erschreckend.

 

In was für einer Gesellschaft leben wir, in der eine regelrechte Hinrichtung bejubelt wird?

 

Corona hat nicht nur einen Graben in die Gesellschaft gepflügt, sondern zeigt menschliche Abgründe, die ich mir selbst in den apokalyptischsten Vorstellungen nie hätte ausdenken können.

 

Wahrscheinlich wäre unter den gegebenen Umständen eine witzige Hunde-Kolumne fürs Gemüt besser gewesen. Vielleicht klappt es ja das nächste Mal wieder mit dem Humor. 

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General Anzeiger Brugg vom 30. September 2021
Die Kolumne findest du auf der Seite 9.
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Kommentare: 3
  • #1

    Frank Katzer (Donnerstag, 30 September 2021 11:56)

    Gut gesagt �
    Für viele sollte einfach wieder der gute alte Leserbrief mit überschaubarer Reichweite für ihre abstrusen, menschenfeindlichen Meinungen und Hetze zur Verfügung stehen und nicht die für alle offenen Sozialen Medien.

  • #2

    NoodlesTV (Donnerstag, 30 September 2021 12:14)

    Es werden, zumeist junge und unerfahrene Menschen, zum Teil auch falsch angelernt in wichtigen Entscheidungen und deren Umsetzung gg ideologisch unreparabeler Gesinnungsgenossen, dünnheutiger Choleriker, vom extrem Rechtspopulisten bis aufgehetzen sozial-inkompetenten alkoholkranken Vollpfosten allein gelassen, die uns jeden Tag auf der Straße begegnen.

    Ich habe dazu einem anderen Zusammenhang lange vor der Pandemie, 2018, einer Drohung gg mich, dass hiesige PR informiert. Die Antwort war ,,so schlimm wird's schon nicht sein“.

    Diese Entwicklung ist aber bereits seit 20jahren zu erkennen und der Politik nicht unbekannt.

    Aber wie es mit allen Dingen so ist, braucht man erst ein ,, Bauernopfer“.

    MfG

  • #3

    RheinganzU (Donnerstag, 30 September 2021 14:58)

    Wir alle kennen Grimms Märchen, sind jedoch nicht bereit, zu akzeptieren, dass die Greueltaten in der realen Welt selten ein Happy End haben und dass wir nicht glücklich und zufrieden bis an unsere Ende leben.
    In ZH wird ein Obdachloser von einem 20jährigen zu Tode geprügelt.
    In Familien quält man sich bis aufs Blut. Eine junge Frau in UK wird von einem Polizisten verschleppt, vergewaltigt und getötet.
    Alles das ist real. Entsetzen und irgendwie auch klammheimliche, pharisäerhafte Freude an Gruselgeschichten verhindern mE das entschiedene Entgegentreten.
    Es müssten mehr engagierte Berichte über die Bestrafungen der Täter als über ihre Taten in den Medien geben. Und wir müssten eine Möglichkeit finden, die die solche Taten offen bejubeln zur Rechenschaft zu ziehen. Ich finde, da steht auch SoMe in der Schuld, wenn der soziale Aspekt tragen soll.